Es lässt sich nicht immer sagen, warum etwas zu einem Roman wird und nicht zu einem Drehbuch, einem Gedicht oder auch zu einer Notiz auf einem Zettel, der in einer Schublade vergilbt. Bei Ritchie Girl ist es einfach. Kindheit in den Sechzigerjahren, die Erwachsenen noch verstört vom Krieg. Deutschland war ein weißer Hai, dem man die Flossen abgeschnitten hatte. Räuber und Gendarm auf Trümmergrundstücken, unter den Lehrern die alte braune Garde. Wer in der Schule das Hemd nicht ordentlich in die Hose steckte, wurde »halbgehenkter Jud‘« genannt. Dies oder jenes »bis zur Vergasung tun«, das hörte man oft, einfach so. An Schläge waren wir gewöhnt. Einmal war ich mit der Schulklasse in Berlin. In meiner Erinnerung sah es noch immer aus, als wäre die Decke der Reichskanzlei über Speers Modell von Germania eingestürzt. Dann die Studentenbewegung, Willy Brandt; der erste Held meiner Jugend. Zwei Mal habe ich in meinem Leben wegen eines politischen Ereignisses geweint: bei Brandts Kniefall in Warschau und bei seinem Rücktritt als Kanzler. Ich saß im Wohnzimmer meiner Eltern vor dem Fernseher. Der Vater meines Vaters war aus der DDR zu Besuch, er durfte als Rentner reisen. Ich mochte ihn nicht, weigerte mich, ihn Opa zu nennen. Damals wusste ich noch nicht, dass er schon in den frühen Zwanzigern in die SA eingetreten war, ein »alter Kämpfer«, später Ortsgruppenleiter in Thüringen, nahe Buchenwald. Brandts Rücktritt hat er genossen, er war für ihn »der Vaterlandsverräter Herbert Frahm«. Ich ging aus dem Zimmer und habe nie wieder mit ihm gesprochen. Primo Levi, Ist das ein Mensch?, las ich mit fünfzehn. Viele Jahre später war ich zur Vorbereitung meines ersten Auschwitz-Dokumentarfilms in Polen, bei Tadeusz Szymański, einem Überlebenden, der seine vier Jahre im Lager nur bewältigen konnte, indem er diesen namenlosen Ort nie verließ. Er blieb nach der Befreiung in Auschwitz und gründete mit elf anderen ehemaligen Häftlingen die Gedenkstätte. Bei unserer ersten Begegnung sah Tadek mich zittern; ich wagte kaum, ihm die Hand zu geben. Er legte den Arm um meine Schulter und ging mit mir zum Fenster seiner Wohnung. Wir schauten direkt auf den Galgen, an dem Rudolf Höß 1947 gehenkt worden war. Es war ein frostiger Winter, und Tadek sagte: »Tut mir leid, dass es in meiner Wohnung so kalt ist. Stell dir vor, man hat das Gas abgestellt, ausgerechnet mir.« Er ließ mich weinen, lächelte. »Du bist doch gekommen, Andreas, und wir beide wissen, warum.« Er sah immer mich, nicht den Vater meines Vaters. Tadek ist schon lange tot. Meine Dankbarkeit ist geblieben.

Vor zwei Jahren las ich ein Buch über Camp Ritchie, Maryland, wo im Krieg deutsche Emigranten als Nachrichtenoffiziere der U.S. Army ausgebildet wurden. Im Spätsommer 1943 wurde dort ein Trupp des Women’s Army Corps stationiert: die »Ritchie Girls«. In der Nacht wachte ich auf und dachte: Du hast dein ganzes Leben lang diesen Roman in dir gehabt und es nicht gewusst.