Texte

Andreas Pflüger über Jenny Aaron

Ich bin als Autor der Überzeugung, dass ein Roman in der bestmöglichen Weise recherchiert sein muss – und gestehe: Ich liebe es, intensiv zu recherchieren. Dieser Teil meiner Arbeit ist besonders spannend und ermöglicht mir Einblicke in Lebenswelten, die vielen verschlossen bleiben.

Thriller mit einer blinden Hauptfigur zu schreiben, die noch dazu überwiegend aus deren Perspektive erzählt sind, war und ist für mich als Sehenden eine große Herausforderung – wie groß, wurde mir erst nach und nach offenbar. Sie werden dem Anhang der Bücher entnehmen können, dass ich alles unternommen habe, was in meinen Kräften stand, um in die vermeintlich dunkle Welt von Blinden eintauchen zu können. Viele Reaktionen haben mich erreicht. Se­hende Menschen sind insbesondere von der Innensicht, der Hypersensitivität und den Orientierungs­möglichkeiten meiner Heldin fasziniert – zum Beispiel vom Klick­sonar, das den meisten unbekannt war. Das bestärkt mich in der Hoffnung, dass die Romane den Blick auf Blinde schärfen und zeigen können, welch ungeahntes Potential es in Blinden und Sehbehinderten zu entdeckend gibt.

Wenn Sie die Bücher lesen/hören, wird Ihnen eine höchst ungewöhnliche Heldin begegnen. Einzelne von Jenny Aarons Talenten werden in Natura auch von anderen Blinden beherrscht. Aber gewiss nicht in einer einzigen Person gebündelt. Darüber hinaus beherrscht Aaron asiatische Kampfkünste und besitzt artistische Fähigkeiten, die ganz außergewöhnlich sind, zumal für eine Blinde. Sie werden eine blinde Ausnahmekönnerin kennenlernen, und das aus gutem Grund. Die Lebenswege blinder Menschen haben mich, so unterschiedlich sie sein mögen, vieles gelehrt – auch Folgendes: Das Augenlicht zu verlieren und nicht daran zugrunde zu gehen, heißt sehr oft, ums Überleben kämpfen. Ich habe meiner Heldin ihre herausragenden physischen Gaben nicht nur verliehen, um einen Schauwert für einen Thriller zu erzeugen, sondern auch, weil das, was dieser Frau geschieht und alles, was sie vermag, ein Gleichnis ist. Ja, Aaron ist größer als das Leben. Sie wird mit dem Unmöglichen konfrontiert und muss es bewältigen, um nicht zerschmettert zu werden. Mein Leitstern für meine Heldin ist jederzeit: Was ist die größte Herausforderung, vor die sie gestellt werden kann, und wie vermag Aaron sie zu meistern? Das ist eine Parabel auf die Behinderung an sich. Aarons Entschlossenheit, ihrer Sensibilität und ihrem Mut müssen die Sehenden standhalten.

Nicht jedem gelingt dies, auch davon handeln die Romane.

Doch klar ist auch: Eine blinde Virtuosin wie Aaron gibt es nur in der Fiktion. So wie eben auch sehende Actionhelden Dinge können, die – mir zum Beispiel – nicht möglich sind. Blinde verdienen in so vielerlei Hinsicht Anerkennung, Respekt, ja Bewunderung. Sie müssen sich nicht mit Aaron vergleichen. Ich tue das auch nicht, und meine Leser wissen das sehr wohl zu unterscheiden, wie ich aus vielen Kommentaren zu dem Roman weiß.

Spiegeln die in den Romanen geschilderten Ereignisse also den realistischen Alltag eines blinden Menschen? Selbstverständlich nicht. So wenig wie Raymond Chandler mit seinem Philipp Marlowe das normale Berufsleben eines Detektivs beschreibt. Aber sind Aarons Blick auf die Welt, das Instrumentarium, dessen sie sich zur Orientierung bedient, ihre besonderen Möglichkeiten, die Wahrheit zu erspüren, ihr Gehör- und Tastsinn ein Kompendium dessen, was Blinde in der Realität vermögen?

Absolut.

Lassen Sie mich zum Schluss noch Folgendes sagen: Es ist bekannt, dass die meisten Menschen auf die Frage, was das Schlimmste wäre, das ihnen passieren könnte, das Erblinden nennen. Dies hat für mich durch meine intensive Beschäftigung mit dem Thema seinen Schrecken verloren. Zu erfahren, welch großartige Leistungen Blinde vollbringen, zu lernen, wie erstaunlich sie den Alltag meistern, wie erfüllend ihre Welt sein kann, hat mich bereichert.

Ich wünsche Ihnen Freude mit Jenny Aaron

Prof. Dr. med. habil. Bernhard Sabel zu »Endgültig«

Ehrlich gesagt bin ich überhaupt kein Roman-Leser, geschweige denn Konsument von Krimis in einer Lese- oder Filmversion. Aber als Andreas Pflüger mit der Bitte an mich herantrat, ihm Einblick in die Welt der Sehbehinderung und ihre Behandlung aus medizinisch-psychologischer Sicht zu geben, habe ich sehr gerne zugestimmt. Denn als Hirnforscher und Neuropsychologe, der sich eher mit Datenanalysen, Experimenten und Patientenschicksalen befasst, war die Idee einer blinden Polizistin, die der Welt des Unheils die Stirn bietet, eine tolle Idee. Faszinierend! Ich bin als Sehforscher Jahrzehnte unterwegs und habe viele Sehbehinderte in unserer Praxis behandelt (www.savir-center.com). Also öffnete ich die Manuskriptmappe und begab ich mich in die für mich ungewohnte Welt eines Thrillers. Ich hätte nun wirklich nicht gedacht, dass Andreas Pflügers Opus mich – zusammen mit seiner Heldin Aaron – wie ein mächtiger Strudel gleich in die Finsternis des Verbrechens hineinsog. Die Story ist spannend, aufwühlend, teils erschreckend. Aber auch voller Action und Überraschungen. Ich habe nicht aufhören können, wollte immer den nächsten Schritt wissen, den die blinde Superheldin macht. Vielleicht spannender als Wissenschaft und Medizin? Auch inhaltlich ist dieser Thriller ein Lehrbuch für den Umgang mit Sehverlust.

Jenny Aaron hat extraordinäre Gaben; sie ist eine Art Superwoman der Blinden. Zugegeben, diese Heldin vereint in sich alle Fähigkeiten: besonders gut zu hören, zu fühlen und sich räumlich zu orientieren. Aaron zeigt, wie man als Blinde in der Lage sein kann, mit Mut mehr aus sich herauszuholen. Man wird es kaum glauben, aber Aarons besondere Leistungen sind tatsächlich möglich, wenn man Talent und Training paart. Andreas Pflüger hat durch detaillierte Recherchen viel über das Blindsein gelernt, hat mit Blinden und Fachleuten in geradezu überwältigender Detailliebe Fakten gefunden, die für den Außenstehenden schon an die Grenze des Vorstellungsvermögens gehen. Die Fakten treffen die Phantasie. Als Spezialist für Sehbehinderungen habe ich diese Passagen natürlich besonders aufmerksam gelesen und Andreas Pflüger an der ein oder anderen Stelle mit Ideen unterstützt, die Phantasiegrenze in gebührendem Abstand zu halten. Für diejenigen, die diese Leistungsfähigkeiten von Blinden nicht für bare Münze nehmen, kann ich sagen: Alles, was Aaron kann, ist realistisch, wenn auch meist nicht in einer Person vereint wie bei ihr. Denn sie ist ein außergewöhnliches Talent und eine Daueroptimistin. Der Leser darf aber nicht auf den Gedanken kommen, dass alle Sehbehinderte auch so sind wie Aaron. Keineswegs. Im Gegenteil, der Verlust der Sehleistung wird von vielen Menschen nur schwer verarbeitet, vor allem wenn er plötzlich kommt, wie bei dieser Frau. Die Erblindung wird meist als Feind betrachtet, und die toxische Hoffnung, dass die medizinische Forschung eines Tages eine völlige Heilung der Erblindung ermöglicht, wenn man nur lange genug wartet, ist nicht realistisch. Dann versperrt die unbegründete Hoffnung den Weg, sich, trotz Behinderung, bewusst für ein neues Leben zu entscheiden und dennoch glücklich und erfolgreich zu werden.

Pflügers Heldin ist ein Paradebeispiel für einen Menschen, der trotz Behinderung nicht aufgibt. Sie macht aus der Krise eine Chance, denn sie ist optimistisch und positiv unterwegs. Sie lässt sich (meist) nicht von Sorgen und Ängsten leiten. Sie versucht stattdessen, aus sich das Maximale herauszuholen. Aaron fokussiert sich auf das, was sie noch kann und nicht auf das, was sie nicht mehr kann. Sie nutzt ihre besonderen Fähigkeiten maximal aus. Dieser positive und optimistische Macher-Blick auf ihre Möglichkeiten gibt ihr Energie, Motivation und die Kraft, Ihre Gegner zu besiegen. Dazu ist sie in diesem dicht komponierten Thriller auf dem richtigen Weg. Somit ist der Roman nicht nur fingerkauend spannend, sondern wir können uns mit Aaron sogar vielleicht ein wenig identifizieren. Bestimmt wäre der ein oder andere gern wie diese Frau. Sie hat durch ihre positive Einstellung zum Leben und seinen unentdeckten Potenzialen eine unglaubliche Energie und erreicht damit mehr als man für möglich gehalten hätte. Wollen das nicht auch Menschen mit Behinderungen oder sogar wir alle? Auch Aarons Feinde lernen das zu fürchten … Ich bin fußscharrend gespannt auf den nächsten Band. Es wird mein zweiter Thriller, den ich je gelesen habe.